"Flucht und Heimat"

"Wir haben unser Zuhause verloren, das heißt die Vertrautheit des Alltags. Wir haben unseren Beruf verloren, das heißt die Zuversicht, in dieser Welt zu etwas gut zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren, das heißt die Natürlichkeit der Reaktionen, Einfachheit in den Gesten, den ungekünstelten Gefühlsausdruck. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Gettos zurückgelassen und unsere besten Freunde wurden in Konzentrationslagern ermordet, und das heißt unser Privatleben ist zerrüttet."
(Essay "Wir Flüchtlinge", Hannah Arendt 1943)

Seit 2006 widmen sich die Gedenk- und Befreiungsfeiern jedes Jahr einem speziellen Thema, das zur Geschichte des KZ-Mauthausen bzw. zur NS-Vergangenheit Österreichs in Beziehung steht. Der Gegenwartsbezug bildet bei jedem Jahresthema einen essentiellen Bestandteil und soll vor allem für junge Menschen durch die Auseinandersetzung mit der Zeit und Ideologie des Nationalsozialismus auch einen Bezug zu ihrer Erfahrungswelt heute herstellen. Die diesjährigen Gedenk- und Befreiungsfeiern widmen sich dem Thema "Flucht und Heimat".

Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 in Berlin flohen die ersten Menschen vor den Nationalsozialisten. Diese Flüchtlingsbewegungen verdichteten sich mit der Einführung der "Nürnberger Rassegesetze" im Jahr 1935. Mit dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1938 zeigten sich Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden in Österreich. Nach den Novemberpogromen 1938, bei denen die wehrlose jüdische Minderheit mit größter Brutalität angegriffen wurde, verdeutlichte sich, dass die jüdische Bevölkerung im "Deutschen Reich" schutzlos war. Mit der Machtergreifung und dem "Anschluss" Österreichs wurden offensiv auch politische GegnerInnen, GewerkschafterInnen, Angehörige der christlichen Kirchen und anderer Religionen, weitere Volksgruppen, Homosexuelle, Intellektuelle, KünstlerInnen und über kurz oder lang alle, die das nationalsozialistische Regime ablehnten, verfolgt. Schon im April 1938 erfolgte der erste Transport von Regimegegnern aus Wien in das Konzentrationslager Dachau. Im August 1938 trafen die ersten Häftlinge in Mauthausen ein und es wurde mit der Errichtung des Konzentrationslagers begonnen. Im Dezember 1938 waren bereits knapp 1.000 Häftlinge interniert.

Die nationalsozialistische Terrorherrschaft schuf in den 1930er Jahren neben politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Ursachen eine neues Kriterium der Flucht: Rassismus. Flüchtlingsströme zogen über ganz Europa, um sich vor der Todesmaschinerie der Nazis zu retten. Von einem Tag auf den anderen wurden Familien zerrissen. Durch die Organisation von "Kindertransporten" nach England konnten von November 1938 bis September 1939 ca. 10.000 Kinder und Jugendliche aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei gerettet werden.

Der Mangel an finanziellen Mitteln sowie die strengen Einwanderungsbestimmungen vieler Länder verunmöglichten vielen Menschen die Flucht. Sie waren der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten ausgeliefert. Viele private Initiativen versuchten, in verschiedenen Ländern Europas erleichterte Bedingungen für Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland auszuhandeln. Die UNO, Flüchtlingskonventionen oder NGOs existierten zu dieser Zeit nicht. Die Geschichte Europas ist seit dem 2. WK immer wieder von Flüchtlingsbewegungen gekennzeichnet. Kriege im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan oder in Syrien sowie fundamentalistischer Terror sind zwei Ursachen für Flucht. Bilder der großen Flüchtlingsströme aus dem Jahr 2015 zeigen Menschen mit Kindern an der Hand mit einem Minimum an Habseligkeiten, die einen Ort suchen, an dem ihr Leben nicht bedroht ist. Dennoch
bleibt der Verlust von Freunden, Familie, ihrer Sprache, ihrer Kultur. Als "ein Ort, an dem man aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt" wird der allseits beliebte Begriff "Heimat" definiert.

Menschen, die in ein anderes Land flüchten mussten, haben alles verloren. Krieg und Terror haben ihre "Heimat" zu einem fremden Ort werden lassen. Unter schwersten Bedingungen haben Menschen in der NS-Zeit anderen Menschen geholfen. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir uns ein Beispiel an den befreiten Häftlingen des KZ Mauthausen, die in ihrem Appell am 16. Mai 1945 die Werte internationaler Solidarität zum Ausdruck brachten:

"... Der vieljährige Aufenthalt im Lager hat in uns das Verständnis für die Werte einer Verbrüderung der Völker vertieft ..."

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